I Will Survive – The Grey und 127 Hours

The Grey - Unter Wölfen(c) Universum Film

The Grey – Unter Wölfen
(c) Universum Film

Es lässt sich über so manches streiten. Über Geschmack lässt sich bekanntlich immer streiten. Worüber man sich aber als Cineast auch so richtig gut streiten kann, ist die Frage der Genre-Zugehörigkeit eines Filmes. Ist es mehr Krimi oder Thriller? Würdest du sagen, es ist ein soziales Historiendrama oder ein historisches Sozialdrama? Normalerweise entziehe ich mich derartigen Diskussionen lieber, aber bei folgenden zwei Filmen musste ich mich auch tatsächlich selber fragen: Ist es noch ein Psychodrama oder schon ein Horrorfilm? Ich suche nach Antworten.

Das Problem, das sich mir hier konkret stellt, lautet Überlebenskampf. Im Film geht es sehr häufig um Leben und Tod, aber in der Regel heißt es dabei Mensch gegen Mensch. In The Grey – Unter Wölfen (2012) heißt es dagegen Mensch gegen Natur. Der Mensch ist dabei Liam Neeson (Schindlers Liste) und die Natur wird vertreten durch ein sehr blutrünstiges Wolfsrudel. Nach einem Flugzeugabsturz  strandet eine kleine Gruppe von Überlebenden im weißen Nirgendwo von Alaska, wo sie bereits nach kürzester Zeit von den Tieren bedroht werden. Der Jäger John Ottway (L. Neeson) übernimmt die Führung und stellt sich entschlossen dem nahezu aussichtslosen Kampf gegen Wolf und Natur. Die Handlung lässt auf reichlich Action hoffen, die bei dem Aufeinandertreffen von Mensch und Tier unvermeidlich ist. Der wahre Nervenkitzel des Films entsteht allerdings nicht durch die Bedrohung aus dem Tierreich, sondern vielmehr durch die Interaktionen der einzelnen Überlebenden miteinander. Das Zusammenwirken von echten Überlebenskünstlern und Raufbolden am nächtlichen Lagerfeuer hat viel mehr Spannungspotential als die im Wald umher schleichenden Wölfe. Liam Neeson macht seine Sache als unangefochtener Held wunderbar. Aber der Zuschauer bekommt schnell den Eindruck, dass er ohne die lästigen Mitstreiter den Wölfen locker entkommen könnte. Die Angriffe der Tiere sind zwar durchaus brutal und blutig, aber lassen keinen Moment des Entsetzens aufkommen. Da hat sich Regisseur Joe Carnahan (Das A-Team – Der Film) meines Erachtens irgendwie verkalkuliert.

127 Hours(c) 20th Century Fox

127 Hours
(c) 20th Century Fox

Ganz ohne Blut kommt aber auch Danny Boyle (The Beach) bei seiner Inszenierung eines Überlebenskampfes nicht aus. In 127 Hours (2010) erzählt er die mitreißende Lebensgeschichte des Extremsportlers und Kletterers Aron Ralston, der im Jahr 2003 mehr als fünf Tage in einer Felsspalte im Grand Canyon feststeckte und sich nur durch die eigenhändige Amputation seines Armes befreien konnte. Boyles Film hat natürlich den Vorteil, dass er einen wahren Hintergrund besitzt und damit für das Publikum von vorneherein eine ganz andere Spannung birgt. Im Kontrast zu The Grey ist die Situation auch eine ganz andere: Ralston (James Franco) ist allein, kann sich nicht bewegen und auch sonst nichts weiter tun als auf Hilfe zu hoffen. Das bemerkenswerte daran ist aber, dass Boyles Film auch ohne jegliche aktive Bedrohung von Außen bedeutend schockierender ist. Die einzige wirkliche Gefahr für Ralston alias James Franco besteht darin, nicht gefunden zu werden. Theoretisch erlebt der Zuschauer auch nichts weiter als ihn dabei zu beobachten, wie ihm die Hoffnung schwindet und er an den Punkt kommt, um das Undenkbare zu tun. Und genau das wird auch beim Zusehen zum planken Horror. Obwohl es von cineastischer Seite her eigentlich gar kein Horrorfilm ist. Dafür ist es zu hell, zu realistisch, zu unbrutal. Dennoch war es für mich dank des großartigen Schauspiels von James Franco und der schonungslosen Darstellung von Boyle aufrichtig schockierend.

Was sind diese beiden Filme also nun? Ich hätte hinter The Grey kein Psychodrama und hinter 127 Hours keinen Horrorfilm erwartet. Trotzdem muss ich sie nach meinem Empfinden wohl so betiteln. Verkehrte Welt. Aber irgendwie auch schön, wenn Filme sich ihren Genres und den damit verbundenen Erwartungshaltungen entziehen und damit noch überraschen können.

[Wer Interesse daran hat, die Filme käuflich zu erwerben und damit gleichzeitig Frag das Kino… zu unterstützen, kann mit einem Klick auf die Bilder die Dvds über amazon bestellen. Ich sage vielmals Danke dafür!]
Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Ein Kommentar

  1. Die interessante Genrezuordnung kann ich eigentlich so unterschreiben. Ich fand beide Filme toll – jeden auf seine Art. Besonders „The Grey“ hat mich wirklich positiv überrascht!

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: